Religionen und Konfessionen

In Baden-Württemberg gehört mit 72 Prozent der überwiegende Teil der Bevölkerung den beiden großen christlichen Konfessionen an: Rund 3,9 Millionen Menschen gaben 2011 an, katholisch zu sein, während sich 3,5 Millionen zum Protestantismus bekannten (Zensus-Umfrage). Auf regionaler Ebene gibt es bei den Konfessionen allerdings deutliche Unterschiede, die sich über die Jahre hinweg ausgeformt und verfestigt haben. Diese bleiben noch immer deutlich erkennbar - trotz tiefgreifender demographischer und gesellschaftlicher Veränderungen.

Historische Zersplitterung

Seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 galt die Regel, dass der Landesherr das Bekenntnis in seinem Territorium bestimmt („cuius regio eius religio“). Die Konfession der Untertanen war somit durch die Obrigkeit vorgegeben. Im Fall des Widerspruchs blieb letztlich nur die Auswanderung. Die verschiedenen Konfessionsräume bilden daher auch die territoriale Zersplitterung des deutschen Südwestens in der Zeit des Alten Reiches vor 1803 bzw. 1806 ab. So ist in weiten Teilen des ehemaligen Herzogtums Württemberg die Bevölkerung überwiegend evangelisch. Auch in Baden zeigen sich die älteren Herrschaftsverhältnisse noch deutlich: die Markgrafschaft Durlach und die Kurpfalz sind evangelisch, Baden-Baden ist katholisch, ebenso die ehemals vorderösterreichischen Gebiete im Breisgau, im Südschwarzwald und in der Ortenau. Oberschwaben, die neuwürttembergischen Gebiete in Ostwürttemberg, die Besitzungen des Deutschen Ordens sowie die „eingesprenkelten“ bischöflichen und klösterlichen Gebiete sind ebenfalls mehrheitlich katholisch.

Nur in wenigen Städten gab es ein unmittelbares Zusammenleben der Konfessionen. Eine Sonderrolle nehmen hier die beiden paritätischen ehemaligen Reichsstädte Biberach und Ravensburg ein, in denen beide Konfessionen gleichgestellt waren. In der protestantischen Kurpfalz um Mannheim und Heidelberg konnte sich im 18. Jahrhundert eine starke katholische Minderheit etablieren.

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Wandel der konfessionellen Verhältnisse

Im 19. Jahrhundert begannen sich die tradierten konfessionellen Verhältnisse zunächst in den größeren Städten vor allem aufgrund der steigenden Mobilität zu verschieben. So stieg der Bevölkerungsanteil der jeweils anderen Konfession vor allem in Ulm, Stuttgart, Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und Freiburg an. Doch erst die tiefgreifenden Bevölkerungsverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg brachen die geschlossenen Konfessionsräume in Baden-Württemberg dauerhaft auf. Die Heimatvertriebenen, die im Südwesten aufgenommen wurden – mehrheitlich Katholiken –, veränderten die lokalen und regionalen konfessionellen Verhältnisse tiefgreifend. In den folgenden Jahrzehnten stieg der Katholikenanteil in Baden-Württemberg weiter an, da die Zuwanderer aus dem romanischen Mittelmeerraum fast ausschließlich katholisch waren. Zudem waren die Geburtenraten des katholischen Bevölkerungsanteils konstant höher als die der Protestanten. Daher verschoben sich die Zahlenrelationen zwischen den beiden großen Konfessionen 1966/67 erstmals zugunsten der Katholiken – ein Trend, der bis heute anhält.

Heute sind noch etwa 7,6 Millionen der 10,7 Millionen Baden-Württemberger Mitglieder der katholischen oder der evangelischen Kirche. Neben den Kirchenaustritten, die seit Mitte der 1960er Jahre deutlich zunehmen, und dem verstärkten Zuzug von konfessionell nicht gebundenen Deutschen aus der ehemaligen DDR spielt bei der Abnahme des konfessionell gebundenen Bevölkerungsanteils auch die Struktur der nicht deutschen Bevölkerung eine Rolle. Die „Gastarbeiter“ der ersten Generation kamen noch vorwiegend aus katholischen Ländern (Italien, Spanien, Portugal, Kroatien) und kehrten oftmals wieder in ihre Heimatländer zurück.

Dagegen stieg der Anteil von Einwanderern aus muslimischen Ländern, vor allem aus der Türkei, aber auch aus den Bürgerkriegsländern des Balkan,  deutlich an. Begünstigt durch die im Vergleich zur deutschen Bevölkerung höheren Geburtenraten von Muslimen verdoppelte sich die Zahl der Muslime von etwa 270.000 im Jahr 1987 auf derzeit geschätzte 600.000.
 

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Katholische Kirche

Stand: September 2017

Die Katholiken im Land gehören organisatorisch entweder zur Erzdiözese Freiburg oder zur Diözese Rottenburg-Stuttgart. Beide Bistümer verdanken ihre Entstehung der Neuordnung der politischen und kirchlichen Verhältnisse nach dem Zusammenbruch des Alten Reiches und dem Ende der geistlichen Fürstentümer zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Erzdiözese Freiburg, mit rund 1,9 Millionen Katholiken die zweitgrößte der insgesamt 27 Diözesen in Deutschland, umfasst die alten Landesteile Baden und Hohenzollern. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart mit knapp zwei Millionen Katholiken entspricht dem württembergischen Landesteil.

Unterhalb der Ebene der beiden Bistümer besteht die mittlere Ebene der Dekanate und die untere Ebene der Pfarrgemeinden. In beiden Diözesen erfährt die Pfarrseelsorge einen tiefgreifenden Umstrukturierungsprozess. Die rückläufigen Priesterzahlen haben zu einer Zusammenfassung der Pfarrgemeinden in Seelsorgeeinheiten geführt. In diesen Seelsorgeeinheiten arbeiten die verschiedenen pastoralen Dienste (Diakone, Gemeinde- und Pastoralreferenten) unter der Leitung eines Pfarrers zusammen. Sehr lebendig und präsent ist das Engagement der katholischen Kirche in Schulen sowie in der sozialen Arbeit im Rahmen der Caritas.

In den vergangenen Jahren sind mehr Menschen in die katholische Kirche aus- als eingetreten. Bei den beiden Diözesen im Südwesten standen 2016 den 1120 Zugängen mehr als 27 250 Austritte gegenüber. Im Jahr zuvor sind über 30 000 Katholiken aus der Kirche ausgetreten.

Die drei Kreise mit den höchsten Katholikenanteilen liegen laut Zensus 2011 im württembergischen Oberschwaben: jeweils 66 Prozent gaben in den Landkreisen Biberach und Sigmaringen an, katholisch zu sein. Im Landkreis Ravensburg waren es 64 Prozent.

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Evangelische Landeskirchen

Stand: September 2017

Die Geschichte der beiden evangelischen Landeskirchen beginnt mit der Reformation. Die badische Landeskirche entstand 1821 aus der Union von reformierten und lutherischen Landesteilen. Sitz der Kirchenleitung ist Karlsruhe. Für die württembergische Landeskirche war neben der Reformation der Pietismus prägend. Zur Evangelischen Landeskirche in Württemberg, die etwa 2,1 Millionen Gemeindemitglieder hat, zählt bis heute, abgesehen von kleinen Grenzberichtigungen gegenüber Baden und Hessen, das Gebiet des einstigen Königreichs Württemberg. Dazugekommen sind nach dem Zweiten Weltkrieg Hohenzollern und das früher hessische Wimpfen. Mittelpunkt der Landeskirche sind seit dem 16. Jahrhundert Stuttgart als Sitz der Kirchenleitung und Tübingen mit seiner Evangelisch-Theologischen Fakultät.

In der Evangelischen Landeskirche Baden sind etwa 1,2 Millionen Gemeindemitglieder organisiert. In der Evangelischen Landeskirche Baden gibt es folgende Organisationsebenen: Die zwei Kirchenkreise Nordbaden (Sitz in Mannheim) und Südbaden (Freiburg), die jeweils unter der Leitung einer Prälatin bzw. eines Prälaten stehen. Diese wiederum gliedern sich in rund 24 Kirchenbezirke sowie etwa 677 Kirchen- und Pfarrgemeinden als Basis der Landeskirche. Die Leitung der Landeskirche übernimmt die Landessynode, der Landeskirchenrat und der Landesbischof, bzw. die Landesbischöfin. Dabei bestehen die Leitungsgremien zum Großteil aus Ehrenamtlichen.

Die organisatorische Struktur der Evangelischen Landeskirche in Württemberg sieht etwas anders aus: Die Landeskirche besteht aus etwa 1.300 Kirchengemeinden und 100 Gesamtkirchengemeinden in 50 Dekanaten. Die 47 Landesbezirke sind wiederum vier Prälaturen zugeordnet: Reutlingen, Stuttgart, Heilbronn und Ulm.

Auch die evangelischen Landeskirchen sind Träger von mehreren Schulen im Land. Rund 300 Träger kirchlicher Sozialarbeit und 1.200 Einrichtungen sind Mitglied im Diakonischen Werk Baden-Württemberg. Etwa 40.000 Beschäftigte engagieren sich im sozial-karitativen Bereich.

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Frei-, Ost- und Sonderkirchen

Neben den evangelischen Landeskirchen gibt es in Baden-Württemberg zahlreiche evangelische Freikirchen:

• die Evangelisch-Methodistische Kirche

• der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten)

• die Evangelisch-Lutherische Kirche in Baden

• der Christliche Gemeinschaftsverbund GmbH Mühlheim an der Ruhr (CGV)

• die Heilsarmee

• die Evangelische Brüder-Unität, Herrnhuter Brüdergemeinde

• die Mennoniten

• die Selbstständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK)

• der Bund Freier Evangelischer Gemeinden

Alle Freikirchen finanzieren sich im Gegensatz zu den Landeskirchen unabhängig vom Staat durch freiwillige Beiträge ihrer Mitglieder. Zahlenmäßig befinden sie sich in einer Minderheitensituation.

Präsent ist in Baden-Württemberg außerdem die Altkatholische Kirche, die aus dem Protest gegen die Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogmas auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870 entstand und hauptsächlich in Baden Anhänger fand.

Die Orthodoxen Kirchen in Baden-Württemberg haben ihren Ursprung in Hofgemeinden des 19. Jahrhunderts. Seit den späten 1960er Jahren und dem Zuzug von orthodoxen Gläubigen aus den Balkanstaaten und aus Griechenland nahm die Zahl der Gemeindemitglieder sprunghaft zu.

Die größte christlich orientierte Sondergemeinschaft dürfte die Neuapostolische Kirche sein, die ihren Schwerpunkt in Württemberg hat, wo sie sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts ausgebreitet hat.

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Jüdische Gemeinden

Stand: September 2017

Über 9.200 Juden leben heute in Baden-Württemberg als Mitglieder der Israelitischen Religionsgemeinschaften Badens und Württembergs. Sie sind in den israelitischen Religionsgemeinschaften Baden und Württemberg (Stuttgart) organisiert. Diese sind Teil von insgesamt 23 Landesveränden, die unter dem Dach des Zentralrats der Juden deutschlandweit bestehen.

1933, vor der NS-„Machtergreifung“, lebten noch etwa 31.000 Juden in Baden-Württemberg. Die große Mehrheit von ihnen besaß die deutsche Staatsbürgerschaft. Während des NS-Regimes wurden die allermeisten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger vertrieben oder in Konzentrationslagern ermordet.

Nach 1945 entstanden zunächst in den großen Städten wieder jüdische Gemeinden, allerdings zählten sie bis in die 1980er Jahre hinein nur knapp 2.000 Mitglieder. Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Zuwanderung von Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion konnten die Gemeinden deutliche Zuwächse verzeichnen. Heute besteht das Gemeindeleben aus regem Besuch von Synagogen sowie von Religions- und Kulturveranstaltungen in verschiedenen jüdischen Gemeindezentren. Die Gemeinden bieten außerdem zur Pflege der jüdischen Identität eigenen Religionsunterricht, Kindergarten-, Jugend- und Seniorenbetreuung sowie eine intensive Integrations- und Sozialarbeit an. Als Körperschaften des öffentlichen Rechts sind sie demokratisch organisiert.

Jüdisches Leben in Baden-Württemberg

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Islam in Baden-Württemberg

Stand: September 2017

Wie viele Muslime in Baden-Württemberg leben, ist schwer zu erfassen. Denn amtliche Register halten nur die Angehörigkeit zur evangelischen oder römisch-katholischen Kirche fest, die für die Erhebung der Kirchensteuer relevant ist. Deshalb lassen allenfalls nationale Zugehörigkeiten und Herkunftsländer Rückschlüsse zu. Im Zuge des Zensus von 2011 wurden auch Schätzungen zu den muslimischen Bürgern des Bundeslandes abgegeben. Damals ging man rechnerisch von etwa 600.000 aus. Viele davon leben bereits in der dritten und vierten Generation hier - Die Mehrheit stammt aus der Türkei.

Doch durch die angekommenen Geflüchteten seit 2015 ist davon auszugehen, dass sich sich das Bild deutlich gewandelt hat. Viele der Zugewanderten kommen aus muslimisch geprägten Ländern. Für die Bundesebene hat das Ministerium für Migration und Flüchtlinge 2016 eine Hochrechnung in Auftrag gegeben. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen 2011 und 2015 rund 1,2 Millionen Menschen muslimischen Glaubens nach Deutschland gekommen sind. Davon ausgehend beträgt der Anteil der neu zugewanderten an allen Muslimen etwa 27 Prozent.

Die religiöse Bindung der Muslime ist sehr unterschiedlich. Ein kleinerer Teil der Muslime bezeichnet sich als streng religiös, befolgt die religiösen Gebote und besucht regelmäßig die Moschee. Für die Mehrheit ist die Religion ein zwar wichtiger Aspekt, doch spielt für sie die Einhaltung der religiösen Gebote im Alltag eher eine untergeordnete Rolle. Der Bau und die Planung von Moscheen in einigen Städten in Baden-Württemberg machen deutlich, dass Muslime hier angekommen sind. Ihre Religion möchten sie nicht mehr im Abseits der Hinterhöfe, sondern sichtbar und innerhalb der Gesellschaft praktizieren.

Seit dem Schuljahr 2006/2007 gibt es das Modellprojekt Islamischer Religionsunterricht sunnitischer Prägung. Inzwischen nehmen insgesamt 93 Schulen und über 5000 Schülerinnen und Schüler daran teil.

LpB Ausstellung "... mehr als nur Gäste"

Demokratisches Zusammenleben mit Muslimen in Baden-Württemberg
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Moscheen im Ländle

Die Yavuz-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim gehört zu den größten Moscheen Deutschlands. Sie wurde 1995 eröffnet und bietet Platz für rund 2.500 Menschen.

 

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